Freitag, 13.01.2012 | Autor: aragvid-suv 01/12, Foto: © MEV Verlag GmbH, Germany

Aufsichtspflicht im Sportverein

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Eine B-Jugendmannschaft aus Sachsen-Anhalt hatte ein Auswärtsspiel. Die Spieler der Gastmannschaft nutzten vor und nach dem Spiel die Umkleidekabinen und den Sanitärtrakt des gastgebenden Vereins. Als die Mannschaft nach dem Spiel die Duschen benutzten, zerstörten zwei Spieler der Gastmannschaft in der Dusche vorsätzlich zwei Brauseköpfe. Mit der Reparatur beauftragte der Verein einen Handwerker vor Ort und trat ihm seine Ansprüche wegen der Reparatur ab. Insgesamt kostete die Reparatur 356,96 €. Diesen Betrag stellte der Handwerker dem Gastverein in Rechnung, der sich jedoch weigerte, zu zahlen.

Er ist der Ansicht, dass der Gastverein aufgrund vertraglicher Beziehungen zum gastgebenden Verein hafte. Denn durch die Anmeldung zum Wettkampfbetrieb schließe der gastgebende Verein mit dem Gastverein konkludent einen Vertrag zur Überlassung von Sportplatzanlagen. Insbesondere ergebe sich eine derartige vertragliche Haftung aus der SpielO des Fußballverbandes Sachsen-Anhalt.

Zudem hafte der Gastverein auch, weil er seine Aufsichts- und Überwachungspflichten verletzt habe.

In § 24 Abs. 3 der SpielO des Fußballverbandes Sachsen-Anhalt heißt es: .Die am Spiel beteiligten Vereine sind für ein sportliches Verhalten ihrer Spieler, offiziellen Mitarbeiter, Erfüllungsgehilfen, Mitglieder, Anhänger, Zuschauer verantwortlich sowie weiterer Personen, die im Auftrag des Vereins eine Funktion während des Spiels ausüben. Der gastgebende Verein und der Gastverein haften in ihrer jeweiligen Verantwortung im Stadionbereich vor, während und nach dem Spiel für Zwischenfälle jeglicher Art gegenüber dem Fußballverband Sachsen-Anhalt/ Kreisfußballverband..

Die Klage gegen den Gastverein wurde abgewiesen.

Ein vertraglicher Anspruch scheidet aus. Ein Vertragsschluss setzt voraus, dass beide Partner eine auf die Eingehung einer vertraglichen Bindung gerichtete Willenserklärung abgeben. In der Anmeldung zum Wettkampfbetrieb, die ja nicht gegenüber dem anderen Verein, sondern gegenüber dem übergeordneten Fußballverband erfolgt, ist jedoch kein Angebot auf Abschluss eines Vertrages zu sehen.

Ebenso wenig liegt ein schlüssiges Vertragsangebot in der Bereitstellung bzw. Nutzung der Sportanlagen der Heimmannschaft. Der gastgebende Verein ermöglicht diese Nutzung nicht, weil er mit dem Gastverein hierüber einen Vertrag abgeschlossen hat, sondern weil er dazu gegenüber dem übergeordneten Fußballverband, der den Wettkampfbetrieb organisiert, dazu verpflichtet ist.

Auch aus der SpielO des Fußballverbandes Sachsen-Anhalt ergibt sich eine solche Haftung nicht. Aus dem insoweit eindeutigen § 24 Abs. 3 folgt eindeutig, dass eine Haftung nur gegenüber dem Fußballverband Sachsen-Anhalt und dem Kreisfußballverband, nicht aber gegenüber dem Gastverein besteht.

Auch ein Anspruch wegen Verletzung der Aufsichtspflicht besteht nicht. Ein Sportverein ist nicht verpflichtet, seine 15- und 16-jährigen Spieler zu überwachen. Insbesondere beim Duschen ist eine solche Überwachung faktisch unmöglich und würde den mit der Überwachung/Beaufsichtigung beauftragten Mitarbeiter des Vereins schlimmstenfalls in den Verdacht der Pädophilie bringen.

15- bis 16-Jährige sind schon einige Lebensjahre deliktsfähig. Soweit der Verein nicht konkret damit rechnen musste, dass seine jugendlichen Spieler unter der Dusche Schäden verursachen, gab es keinen Grund für irgendwelche Beaufsichtigung.

Der Fall liegt insofern völlig anders als der einer Entscheidung des OLG Hamm aus dem Jahre 1995 (SPORT & VEREIN berichtete damals) zugrunde liegende Sachverhalt. Dort waren Spieler eines Sportvereins anlässlich eines Turniers in einem Internat untergebracht.

Es ist offensichtlich, dass bei einer Übernachtung ein Sportverein eine gewisse Überwachungspflicht gegenüber den Jugendlichen, die er bei sich übernachten lässt, hat. Jedoch ist eine Übernachtung etwas völlig anderes als ein Gang unter die Dusche. Zudem machte das OLG Hamm zur Grundlage seiner Haftung die Überlegung, dass die Eltern der Jugendlichen aufgrund einer bisherigen Übung oder gar einer entsprechenden Zusage auf eine umfassende Betreuung vertrauen durften.

Dass auch im vorliegenden Fall ein entsprechender Vertrauenstatbestand geschaffen wurde, ist nicht ersichtlich. Wenn damals das OLG Hamm feststellte, dass es eine bekannte Erfahrungstatsachse sei, dass die Freiheit von elterlicher Kontrolle manche Jugendliche dazu verleite, .über die Stränge zu schlagen. und abends Alkohol zu trinken, mag das so sein. Keinesfalls gibt es aber einen Erfahrungssatz, dass Jugendliche Duschen demolieren, wenn die Eltern nicht in der Nähe sind.

Auf jeden Fall geht die Aufsichtspflicht eines Sportvereins nicht weiter als die elterliche Aufsichtspflicht gehen würde.

Fundstelle: Amtsgericht Halle vom 01.10.2009 - 93 C 1076/09 -