Dienstag, 29.11.2016 | Autor: Prof. Dr. Ronald Wadsack, Foto: © Project Photos GmbH & Co. KG

Vereine und ihre Rolle im Verband

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Worum geht´s in diesem Thema
  • Verein und Verband

„Die Verbände sind so weit von der Basis entfernt, die wissen gar nicht, was hier unten passiert.“ „Die Verbandsvorgaben bringen unserem Verein gar nichts, nur Arbeit.“ Nicht selten sind solche Aussagen zu hören, fragt man nach der Zusammenarbeit des eigenen Vereins mit dem Landes- oder Bundesverband. Es gilt, sich das Verhältnis zwischen Verein und Verband noch einmal zu verdeutlichen, auch um damit die Verbandsanbindung für den eigenen Verein möglichst optimal zu nutzen.

 

Verein und Verband – Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Ein wenig genauer hinschauen muss man für diese Unterscheidung, schließlich haben auch die Verbände in der Regel ein „e. V.“ hinter ihrem Namen stehen, es sind also auch Vereine. Wenn wir hier unterscheiden, dann bezieht sich dies auf das Aktivitätsgebiet und die konkrete Aufgabenstellung.

Es scheint relativ typisch zu sein, wenn sich ein Thema in der Gesellschaft etabliert und durch Vereine angenommen wird, dass sich dann ein passender Verband gründet bzw. von den Aktivisten gegründet wird. Dies resultiert aus der erwünschten Durchsetzungsfähigkeit von Interessen, die bei Vereinsgründungen ihren Ausgangspunkt nehmen und dann auf höhere Ebenen getragen werden sollen.

Der Verein vor Ort kümmert sich um seine zentrale Aufgabe, er sorgt dafür, dass die Freiwillige Feuerwehr funktioniert, die Kultur in der Kommune ihren Stellenwert hat oder dass ein interessantes Sportangebot vor Ort ist. Dies sind natürlich nur ein paar Beispiele aus der riesigen Vielfalt. Die Vereine kümmern sich vor Ort um die Beschaffung der Ressourcen von Mitgliedern über freiwillige Mitarbeiter und Finanzen bis hin zu notwendigen Räumen und Plätzen. Die Vereine gestalten das Vereinsangebot und organisieren die Umsetzung.

Die Verbände haben eine andere Ausrichtung. Einerseits unterstützen sie ihre Mitgliedsorganisationen, andererseits vertreten sie auf der Landes- und Bundesebene die inhaltlichen Interessen in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Themenbereich. Dazu halten sie Kontakt zu den relevanten politischen Stellen, betreiben Öffentlichkeitsarbeit und starten thematisch angebrachte Initiativen. Die Initiierung von Projekten, welche das Verbandsthema und die Vereinsarbeit voranbringen, z. B. zur Gewinnung ehrenamtlicher Mitarbeiter, ist ebenfalls ein wichtiges Themenfeld. Die Konzeption des Projektes, die Sicherstellung der Finanzierung, die Akquise von Praxispartnern aus dem Verband sowie weiteren Kooperationspartnern und die Koordination sind einschlägige Aufgaben.

Zentrale Veranstaltungen, wie Kongresse oder Wettkämpfe, können ebenfalls zu dem Aktionsprogramm des Verbandes gehören. Sie spielen eine wichtige Rolle für das Kontaktanknüpfen mit neuen Partnern und die Pflege von bestehenden Partnerschaften.

Zudem bieten die Verbände verschiedene konkrete Unterstützungsangebote für ihre Mitgliedsvereine, sei es die Vorbereitung von thematischen Kampagnen mit der Ausarbeitung von entsprechenden Materialien, die Bereitstellung von Informationsportalen oder das Angebot von Ausbildungsangeboten für die in der Verbandsorganisation bzw. den Vereinen tätigen Menschen.

Die Anbindung des Vereins an den Verband kann unterschiedlich sein. So sind die örtlichen Gliederungen der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft e. V. (DLRG) sehr eng an den Bundesverband gekoppelt. Dagegen ist der Deutsche Olympische Sportbund e. V. weitgehend ein Verband der Verbände, während aber dennoch für das Thema Sport eine Wirkung bis auf die Vereinsebene vor Ort angestrebt wird. Ähnlich ist die Situation beim Deutschen Chorverband e. V. Das Deutsche Rote Kreuz umfasst über seine Landesverbände die Gesamtorganisation für die sozialen Aktivitäten. Dies sind nur einige Beispiele, die jedoch erkennen lassen, dass die Organisationsformen unterschiedlich sind.

Demnach ist zunächst einmal aus der Vereinssicht zu klären, welche unmittelbare Verbindung man als Verein überhaupt zu „seinem“ Verband hat. Ist etwa der Landesverband die relevante Anlaufstelle oder besteht eine direkte Mitgliedschaftsbeziehung in den Bundesverband? Denn daraus ergibt sich die Grundlage für eine mögliche Beteiligung und Einflussnahme.

 

Mitgliedschaft im Verband – Rechte, Pflichten und Verantwortung

Die Verbandszugehörigkeit bedingt wie in jedem Verein die Anerkennung der entsprechenden Satzung. Bekanntermaßen hat dies neben inhaltlichen Festlegungen über die Zwecke der Arbeit bzw. das Arbeitsgebiet des Verbandes vor allem formelle Inhalte über die Mitbestimmungs- und Beteiligungsrechte.

Die Teilnahme an der Mitgliederversammlung, das Einbringen von Anträgen oder die Möglichkeit, sich für bestimmte Ämter wählen zu lassen, sind Standards. Darüber hinaus besteht je nach Art der Verbandsarbeit die Möglichkeit, sich in beratenden Gremien oder an thematisch speziellen Projekten zu beteiligen, um eigene Fachexpertise in die Verbandsarbeit einzubringen.

Die Einhaltung der Verbandssatzung und die Zahlung eines entsprechenden Beitrages sind die wesentlichen Pflichten.

 

Mitgestaltung als Chance

In der Beteiligung an der Verbandsarbeit liegt die Chance, wichtige Wirkungen für den Erfolg des eigenen Vereins zu erzielen:

  • Frühzeitiger Zugang zu Informationen über das Arbeitsgebiet des Vereins;
  • Platzieren von Themen, welche aus der Vereinsperspektive von Bedeutung sind;
  • Ideen und Anregungen für die Akquisition von Vereinsressourcen (Finanzen, freiwillige Mitarbeit).

 

Außerdem bietet das Engagement auf der Verbandsebene die Möglichkeit, sich im Interesse des Vereins weiter zu vernetzen oder auch die persönlichen Ambitionen zu fördern. Dies sollte im besten Fall konfliktfrei verbunden werden.

Mit der Einbindung z. B. in eine Projektgruppe besteht die Möglichkeit, die Ausrichtung des Verbandes zu dem speziellen Thema mitzubestimmen. Gleichfalls bringt die Zusammenarbeit neue Kontakte zu anderen Verbandsmitgliedern, Experten und Akteuren aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Gleichzeitig kann man sich als Individuum positionieren und bei anderen Organisationen mit guten Beiträgen positiv bekannt machen.

Die Steigerung ist selbstverständlich die Bereitschaft, ein Wahlamt in dem Verband zu übernehmen, was in der Regel ein deutlich politisch geprägter Prozess ist. Schließlich ist der Verband nicht so überschaubar wie der eigene Verein. Die anderen Verbandsmitglieder müssen eine Chance haben, die zur Wahl stehenden Kandidaten einzuschätzen.

Aber auch mit einfacheren Mitteln kann man aus der Vereinsperspektive die Verbandsarbeit befördern. Der Hinweis auf Entwicklungen im eigenen Einzugsgebiet, welche Einfluss auf die Verbandsarbeit haben können, ist ein wichtiger Punkt, oder etwa sich abzeichnende Veränderungen im kommunalen Ausgabenverhalten durch Prioritätenveränderungen. Ein anderer Ansatzpunkt kann das Empfinden sein, dass gesamtgesellschaftliche Entwicklungen noch zu wenig Resonanz in der Verbandsarbeit gefunden haben. Entsprechende Hinweise und Anfragen können die Gremien auf der Verbandsebene sensibilisieren.

Sollte sich die Verbandsebene jedoch als mehr abgekoppelt und nicht kooperationsbereit erweisen, so bietet letztlich das Instrument der Mitbestimmung direkt als Mitglied oder indirekt über Delegierte die Möglichkeit, ein Zeichen für die Verbandsarbeit zu setzen. Dies erfordert jedoch eine gute Vorbereitung und ggf. eine vorbereitende Diskussion unter beteiligten Verbandsmitgliedern.

Es können eigene Anträge eingebracht werden. Im Extremfall besteht die Möglichkeit, einen Antrag der Verbandsführung abzulehnen. Und dies sollte nicht erst dann passieren, wenn Beiträge erhöht oder Verbandsförderungen verändert werden sollen. Es geht darum, das gesellschaftlich relevante Sachthema der Vereins- und Verbandsarbeit voranzubringen.

 

Vorarbeit im Verein erforderlich

Um sich im Verband adäquat zu beteiligen, müssen zunächst einmal die Hausaufgaben gemacht werden. Der Verein muss für sein Einzugsgebiet eine konkret ausformulierte Idee haben, wie er seine Aufgabe und damit die Verbandszielsetzung interpretiert.

Sodann muss im Verein, vor allem in der Vereinsführung, geklärt sein, dass man eine aktive Rolle in der Zusammenarbeit mit dem Verband spielen möchte. Aufmerksames Informieren über das Verbandsgeschehen und die Teilnahme an Sitzungen und Tagungen gehören dazu. Ebenso ist zu klären, inwieweit man sich z. B. als Praxispartner an Aktivitäten des Verbandes beteiligen möchte, wenn neue Themen erprobt bzw. erarbeitet werden sollen. Letztendlich geht es um eine kritisch-konstruktive Begleitung.

Dies muss bei der Einteilung der Aufgaben für die Mitglieder der Vereinsführung berücksichtigt werden, gleichermaßen für freiwillige/unbezahlte und bezahlte Mitarbeiter. Wobei der Zeitbedarf bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern noch einmal besonders zu Buche schlägt, wenn man an Gremien- oder Arbeitsgruppentreffen auf Verbandsebene denkt, was häufig mit entsprechenden längeren Anfahrten und möglicherweise Übernachtungen verbunden ist. Dazu benötigt man als Ehrenamtlicher entsprechende Freiräume in den anderen Lebensbereichen.

Wenn man auf der Vereinsebene diese Mitgestaltungsmöglichkeit aktiv ergreifen will, eröffnet dies Möglichkeiten, die Zukunftsfähigkeit des eigenen Vereins zu sichern.

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Foto: © Online-Redaktion verein-aktuell.de
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Dr. Ronald Wadsack ist Professor für Sportmanagement an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften.

 

Er hält regelmäßige Lehrveranstaltungen, vor allem zu ...

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