Donnerstag, 23.11.2017 | Autor: Prof. Dr. Ronald Wadsack, Foto: © MEV Verlag GmbH

Verein 4.0 – Chance oder Horror?

Foto: © MEV Verlag GmbH
Worum geht´s in diesem Thema
  • Vereinsarbeit
  • Zukunft Verein
  • Vereinsorganisation

„Industrie 4.0“ ist mittlerweile schon ein etablierter Begriff. Er beschreibt eine weitgehende Umstellung der industriellen Produktion auf automatische Prozesse bis hin zum Robotereinsatz und der Verknüpfung über das Internet. Die Politik schiebt das Thema Digitalisierung massiv an und an vielen Stellen arbeiten Denkschmieden an Lösungen für verschiedenste Lebensbereiche. Davon werden auch die Vereine nicht unberührt bleiben. 

Es werden Anpassungen der Vereinsarbeit notwendig sein, vielleicht sogar ein komplettes Umdenken an verschiedenen Stellen. Auch wenn viele Neuerungen noch gar nicht erkennbar sind, ein wachsames Beobachten ist für die Vereinsführung angeraten, um rechtzeitig wichtige Weichenstellungen für den Verein einzuleiten.

Digitale Transformation

Was verbirgt sich hinter dem Begriff der Digitalisierung bzw. der digitalen Transformation? An verschiedenen Stellen wird darauf hingewiesen, dass sich der alleinige Begriff der Digitalisierung als zu wenig ausdrucksstark erweist, für das, was sich da anbahnt. Zu grundlegend erscheinen die sich abzeichnenden Veränderungen in unserer Lebenswelt. Deshalb wird diese Aussicht mit digitaler Transformation deutlicher betont.

 

Fünf Themen zeigen die Richtung der Veränderung:

Digitalisierung

Das Eindringen der Informations- und Kommunikationstechnologien wird vor allem mit dem Internet und seinen technologischen Anwendungen verbunden. Nicht nur im Arbeits-, sondern auch im privaten Bereich ist diese Technologie auf dem Vormarsch. Smart Home-Lösungen, um z. B. aus der Ferne die Fensterläden oder die Heizung zu steuern, sind ein Angebot in der Werbung. Verschiedene Anbieter offerieren Kommunikationssysteme für zu Hause, mit denen u. a. das Licht und der Fernseher gesteuert werden können.

Internet der Dinge

Es werden Geräte miteinander über das Internet verbunden und es erfolgt ein Datenaustausch, um bestimmte Aktivitäten zu steuern. Wenn etwa bei dem Smart Home das Hochfahren der Heizung nicht über das Smartphone angewiesen werden muss, sondern das Auto bei Erreichen einer gewissen Nähe zur heimischen Wohnung ein Steuersignal an die Heizung sendet, kann das als Beispiel dienen.

Big Data

Heutige Computer- und Speichertechnologien erlauben das Erfassen, Speichern und Auswerten riesiger Datenmengen in kurzer Zeit. Dies führt dazu, dass weit verzweigte Datenprofile für z. B. Marketingaktivitäten erzeugt werden können, um den Menschen spezielle Angebote für ihren ganz persönlichen Bedarf zu offerieren.

Ein wichtiges Element ist die Entwicklung von sogenannten Algorithmen, also Rechenkonzepten, welche diese Auswertung von Datenmengen erst praktikabel und zu wertvollen Ergebnissen machen.

Cloud-Dienste

Vielleicht mit am bekanntesten sind Cloud-Angebote, das Abspeichern von Daten nicht auf dem heimischen Computer, sondern bei Anbietern im Internet. Der Charme dieser Lösungen, auch für die private Nutzung, liegt vor allem darin, von jedem anderen Ort auf diese Daten zugreifen zu können, ohne Datensticks oder andere Speichermedien im Gepäck zu haben.

Künstliche Intelligenz

Die vielleicht gravierendste Entwicklung ist die Erzeugung von sich selbst weiterentwickelnden Programmen, der Computer lernt quasi verbesserte Arbeitsweisen. Der Aufbau eines individuellen Korrekturwortschatzes bei einem Smartphone ist ein gängiges Beispiel.

Smartphones sind eine zentrale Technologie für diese Angebote, das Aufspielen von „Apps“ erweitert jeweils das Nutzungsspektrum und verbindet mit einem entsprechenden Angebot und Anbieter. Wir finden dieses zum Beispiel bei Medienanstalten, Anbietern des öffentlichen Nahverkehrs oder der Bahn.

 

Ein kleines Szenario

Die Kinder-Bastelgruppe des Vereins trifft sich wie immer am Dienstagnachmittag im Dorfgemeinschaftshaus, welches der Verein mit fünf anderen Vereinen für verschiedene Angebote nutzt. Weihnachtsschmuck steht auf dem Programm.

Nacheinander gehen die Gruppenbetreuerin und die Kinder hinein, die automatische Gesichtserkennung per Kamera registriert jeden Ankömmling. Mit dem Erkennen der Gruppenleiterin werden automatisch die Schränke und Nebenräume geöffnet, welche für diese Gruppe freigegeben sind.

An der Drohnenlandestelle kommt zeitgleich die Lieferung an, welche für diese Gruppe Materialien bringt. Der Verbrauch der letzten Gruppenstunden wurde automatisch registriert und ab einer bestimmten Menge erfolgt die direkte Bestellung bei einem Onlinehändler. Damit steht der spannenden Bastelstunde nichts mehr im Wege.

Die neue Idee für die Weihnachtssterne hat die Gruppenleiterin im Internet gefunden und lässt diese nun auf dem Bildschirm per Video für die Kinder ablaufen, bevor es an die eigene Bastelei geht.

Mit dem Eingang in das Dorfgemeinschaftshaus und die Registrierung der kleinen und großen Teilnehmer ist gleichzeitig eine Meldung an die Stadtverwaltung gegangen, wer das Dorfgemeinschaftshaus wie lange und mit wie vielen Teilnehmern belegt.

Utopie? Geht sowieso nicht? Die sich abzeichnenden Entwicklungen sprechen für die Umsetzungsmöglichkeit. Der Blick z. B. nach Japan zeigt auch, dass mit verschiedenen Konzepten schon experimentiert wird. Nicht 2018, aber vielleicht 2025, wenn die notwendigen Investitionen in die Infrastruktur bis dahin erfolgt sind.

Vereinsarbeit im Zeichen der 4.0

Schaut man in die gelebte Vereinspraxis, so wird man am schnellsten auf den „alten Hut“ Internetauftritt des Vereins stoßen. Auf qualitative Unterschiede alleine im Hinblick auf den Informationsgehalt, die Aufmachung („Usabilitiy“) und Aktualität kann hier nicht weiter eingegangen werden. Aber damit auch schon ein wichtiger Hinweis, dass Technologie alleine noch keine Qualität ausmacht, sondern von dem Datenzufluss und der nutzerorientierten Aufmachung abhängt.

Auch das hat sich ja schon weiterentwickelt. Neben dem normalen Internetauftritt werden von Vereinen oder auch von Vereinsgruppen Facebook-, Instagram- oder YouTube-Präsenzen betrieben. Es geht um die Kommunikation nach außen und die Verbindung der Mitglieder untereinander.

Schauen wir uns die Vorstandsarbeit an, so haben sich neben der E-Mail auch WhatsApp-Kommunikationen verbreitet. Abklärungen lassen sich auf diesem Wege schnell und unabhängig von persönlichen Treffen bewerkstelligen. Es gibt sogar schon Vereine, die mit dem Medium der Videokonferenz arbeiten oder einzelne Mitglieder zu einer Sitzung „zuschalten“, weil sie zum Beispiel aus beruflichen Gründen unabkömmlich sind.

Dies müssen wir uns eingestehen, hier hat das Internet sich schon in unser Vereinsleben geschlichen und die Arbeitsweisen verändert. Bei richtiger Nutzung auch nicht unbedingt zum Schlechten.

Vorstellbar ist auch, dass z. B. über eine Vereins-App die Mitglieder stärker in die Vereinsentwicklung eingebunden werden. Eine App ist ein kleines Computerprogramm, dass z. B. in einem Smartphone gespeichert wird und direkte Anwendungen in Verbindung mit dem Verein ermöglicht. Dies kann bei der Vereinfachung der Vereinsverwaltung beginnen, indem die Datenaktualisierung leicht von jedem einzelnen Mitglied durchgeführt oder gar bei entsprechenden Änderungen im Smartphone automatisch übernommen wird. Die Anbindung an den Dachverband mit verpflichtenden Meldungen zum Mitgliederbestand und die Abrechnung der Verbandsbeiträge können auf dem Wege auch leicht automatisiert werden.

Weitergedacht könnte die Mitgliederbeteiligung ohne großen Aufwand durch eine solche App verbessert werden, um abseits der Mitgliederversammlung ein Meinungsbild einzuholen, Informationen gezielt an alle Mitglieder oder einzelne Mitgliedergruppen zu senden oder Mitarbeitsbedarf zu vermelden. Neben der kommunikativen Leistung bietet sich die Chance, Mitglieder enger mit dem Verein in Verbindung zu bringen und seine Besonderheiten als Organisation zu verdeutlichen.

Darüber hinaus ist der verstärkte Einsatz des Internets bzw. der digitalen Möglichkeiten gegeben, auch Mitarbeit vom Standort des Vereins entfernt zu ermöglichen. Online- oder Virtual-Volunteering sind die amerikanisierten Fachbegriffe dazu. Über das Internet können viele Themen der Vereinsarbeit erledigt werden, wenn sich alle wichtigen Akteure im Verein auf die Arbeitsweise eingestellt haben.

Und letztlich ist zu bedenken, inwieweit für die Vereinsarbeit etwas übernommen werden kann. Der Einsatz von virtuellen Präsentationen zur Gestaltung von Vereinsangeboten bis hin zum Einsatz von Robotern sind Möglichkeiten, die sich mehr oder weniger konkret abzeichnen. Zu nennen wäre auch noch die Augmented Reality, eine durch entsprechende Brillen sichtbare Verbindung von realem Bild vor den eigenen Augen und hilfreichen Informationen über eine virtuelle Einblendung. Im technischen Bereich ein schon eingesetztes Verfahren. Je nach Thema des Vereins auch denkbar zum Beispiel zur Erklärung von genutzten Apparaturen und Geräten bis hin zur Schulung etwa zur Vereinsbuchhaltung.

Es konnten hier nur einige Ideen angesprochen werden. Vieles wird sich auch erst in der näheren Zukunft zeigen. Es gilt, die Augen vor diesen Entwicklungen nicht zu verschließen und die Nützlichkeit von Anwendungen für den Verein zu prüfen. Im strategischen Sinne ist dies ohne Frage eine Führungsaufgabe.

 

Dennoch: Aufpassen!

Die letzten Jahre haben es gezeigt: das Internet ist weder unfehlbar noch allzeit bereit. Stromausfälle bringen das System zum Erliegen. Die Angriffe von Hackern können zu Datenverlusten oder gar Datenklau führen.

Es gilt an dieser Stelle immer wieder sorgfältig die Grenze zwischen Nutzen für den Verein und seine Mitglieder bzw. Nutznießer und dem Datenschutz zu prüfen. Die persönlichen Daten des Menschen, Bestandsdaten und Datenspuren über seine Aktivitäten sind ein sehr wertvolles Gut, über das zunächst der Einzelne selbst entscheiden sollte.

 

 

Kommentare (0)

Kommentieren, ergänzen Sie jetzt den Artikel oder geben Sie dem Autor Feedback. Einfach anmelden und losschreiben.
Foto: © Online-Redaktion verein-aktuell.de
Foto: © Online-Redaktion verein-aktuell.de

Es schreibt für Sie

Dr. Ronald Wadsack ist Professor für Sportmanagement an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften.

 

Er hält regelmäßige Lehrveranstaltungen, vor allem zu ...

Prof. Dr. Ronald Wadsack